Album Review: The Theory Of Joy

Guido Diesing, Jazzthetik

March 2016

★★★★

Eine neue Platte von Ian Shaw, das ist für die, die ihn schon kennen, ein Fest. Und für alle anderen eine weitere Chance, ihn endlich kennenzulernen. Auf The Theory of Joy macht der Waliser Sänger einfach weiter, was er am besten kann: Er verbindet grosses Kônnen mit viel Gefühl. Shaw verfügt über eine immenses Repertoire an Ausdrucksmitteln, kann Soul eberso überzeugend singen wie Bebop-Linien und anrührende Pop-Balladen. Doch die Basis seiner Musik, seiner Phrasierung und Stimmgebung bleibt der Jazz, in einer Form, mit der er auch Menschen begeistern kann, die Jazzgesang sonst eher stirnrunzelnd betrachten. In Barry Green (p), Mick Hutton (b) und Dave Ohm (dr) steht ihm ein erstklassiges Trio zur Seite, das bereit und fähig ist, stilistisch jeden Weg mitzugehen.

Es ist eine Platte, die einem mal wieder vor Augen führt, was im schnellen Takt der Veröffentlichungen manchmal auf der Strecke bleibt: wie schön, vielfältig und bewegend Musik sein kann. Eine Platte, die sich mit ihren zahlreichen Reminiszenzen an Grössen der Musikgeschichte wie Joni Mitchell, David Bowie oder Michel Legrand vor Vergangenem verneigt, sich in Traditionen einordnet und gleichzeitig einen eigenständigen und unverwechselbaren Weg in die Zukunft findet. Wie gross Ian Shaw ist, erkennt man nicht zuletzt daran, dass trotz der illustren Ansammlung von Songs der herausragende Titel eine Eigenkomposition ist. Im vorab bereits als Single veröffentlichten Lied "My Brother" beschreibt er mit viel Wärme seinen älteren Bruder Gareth, einen Bruder, dem er in der Realität nie begegnet ist, da dieser schon vor Ians Geburt starb. Das Lied versammelt Erinnerungen an Dinge, die nie passiert sind, und konstruiert aus imaginären Begegnungen, Gesprächen und scheinbar nebensächlichen Beobachtungen ein Geschwisterverhältnis, wie es hätte sein können - eine Bruderliebe im Konjunktiv. Und ein gutes Beispiel dafür, wie leichtfüssig und elegant ein Song in die Tiefe gehen kann, wenn ein Könner wie Ian Shaw am Werk ist.